






Berlin – 15.09.2011. Der diesjährige Interdisziplinäre Beckenbodenkongress (IBK) unter der Schirmherrschaft der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), der Berliner Urologischen Gesellschaft (BUG) und der Arbeitsgemeinschaft Urogynäkologie und plastische Beckenbodenrekonstruktion (AGUB) war eine sehr lebendige Mischung aus interdisziplinären Themen, welche die verschiedenen medizinischen Bereiche berührten. Die Veranstaltung mit über 350 Fachbesuchern wurde am Vortag als Vorkongress, an dem drei Workshops zu den Themen „Praktische Übungen: Zystoskopie, Rektoskopie, Urodynamik, Introitussonographie“, „Homöopathie/ Alternativmedizin (Phytotherapie, Akupunktur) in der Behandlung bei Beckenbodenerkrankungen“ sowie „Sexualanamnese am Paarbeispiel (live) mit Übungen“ stattfanden, in den Abendstunden mit den Jüdischen Kulturtagen 2011 in Berlin eröffnet.
Eingeleitet wurde die Eröffnung am ersten Hauptkongresstag am 9. September im Kongresshotel Park Inn Berlin-Alexanderplatz von Herrn Nikolai Kinski mit einer Lesung aus dem Buch "Das Wesentliche" by Eliot Weinberger - eine Lebensphilosophie, welche auch die „Mitte“ - und damit den Beckenboden – der Tagung treffend widerspiegelte.
Der Höhepunkt des diesjährigen Interdisziplinären Beckenbodenkongresses war ein Streifzug durch die Anatomie und Plastination von Herrn Gunther von Hagens, dem Erfinder und Initiator der weltbekannten Wanderausstellung „Körperwelten“. Trotz seiner Parkinsonerkrankung hielt der Anatom einen überaus beeindruckenden und nachhaltigen Vortrag zur Anatomie des Beckenbodens. Seine dabei vorgestellten Schnitte und Präparationen waren wertvolle Ergänzungen zu den auf dem Kongress gezeigten Live-Operationen am Beckenboden der Frau und des Mannes.
Themen der operativen Live-Parts im Rahmen des wissenschaftlichen Hauptprogramms am Freitag waren zum einen das Hintere Kompartiment bei der Frau nach der Entbindung, zum anderen am Samstag die Harninkontinenz des Mannes. Beide Sessions, die insgesamt 16 Live-Operationen zeigten, entwickelten sich zu absolut spannenden und diskussionswürdigen Bereichen.
Bei der operativen Therapie der männlichen Harninkontinenz wurden die unterschiedlichen Verfahren der Bandeinlage gezeigt. Hier konnte erstmals auf die Erfahrungen aus der Urogynäkologie zurückgegriffen werden. Komplikationen werden beim weiblichen Geschlecht schon viele Jahre gut beherrscht, so different ist das Vorgehen jedoch beim Mann nicht. Die Urologen profitierten hier von einer sehr befruchtenden Diskussion nach den vier verschieden gezeigten Bandeinlagen.
Die Operationsübertragungen zur hinteren Plastik, Introitusrekonstruktion und transanalen Vorgehensweise zeigten extrem unterschiedliche Vorgehensweisen. Die Demonstration aus Baden/ Schweiz, präsentiert von Herrn Prof. Dr. med. Michael K. Hohl, zeigte eine Levatorenrekonstruktion bei ODS. Herr Dr. med. Roland Scherer, Krankenhaus Waldfriede Berlin, dagegen bot bei dieser Symptomatik ein transanales Vorgehen, die STARR-Operation, an. Es zeigten sich damit viele Kontroversen und viele Möglichkeiten dagegen, aber wenig Leitlinien und Anhaltspunkte für ein definiertes Vorgehen in dieser Sache. Hier erkannten alle beteiligten Fachbereiche - Urologen, Urogynäkologen und Proktologen – aufgrund immer wieder zu führender Diskussionen, auf einheitlicher Ebene eine Chance für die Zukunft, gemeinsam Wege zu finden, welche als optimale Therapie bei diesen Krankheitsbildern angeboten werden können
Der Kongress hielt parallel zur wissenschaftlichen Hauptsitzung ein großes Angebot an Workshops und Symposien bereit. Von der Männergesundheit über die praktischen Übungen für Band und Netzeinlagen, Vorträge im Bereich der Neuromodulation und Physiotherapie, letztere angeboten von Frau Beate Carrière, Pasadena/ USA, sowie eine Vielzahl von freien Beiträgen – alle zum Thema Beckenboden.
Sehr nachhaltig war der Beitrag von Herrn Prim. Prof. Dr. med. Paul Riss aus Mödling/ Österreich zur Entwicklung der Laparoskopie und Roboteroperation. Wer lehrt der jungen Generation noch die alten OP-Techniken? Fragen, welche für die Zukunft nicht ganz unbedeutend erscheinen. Die anwesenden Kollegen wiesen einen Trend auf, welcher erschreckend klar die Defizite in der operativen Ausbildung ansprach. Hier sieht Frau Dr. med. habil Annett Gauruder-Burmester, Leiterin des Interdisziplinären Beckenbodenzentrums (IBBZ) Berlin und Kongresspräsidentin 2011, einen absoluten Handlungsbedarf und eine Vorreiterrolle.
Die State of the art - Vorträge an beiden Kongresstagen waren exzellente Zusammenfassungen zu den Kongressthemen aus der Sicht des Urologen, Proktologen, Urogynäkologen und der Hebamme. Bei Verzicht auf die Expertise kam es hier zu sehr einheitlichen und gut strukturierten Aussagen aller Fachbereiche.
Auch die Sexualmedizin war beim diesjährigen Kongress wieder vertreten. Herr Prof. Dr. med. Klaus M. Beier, Charité Universitätsmedizin Berlin, bot einen sehr interessanten Abriss über sexuelle Störungen bei beiden Geschlechtern, wies auf die dringende Notwendigkeit der guten Anamnese auch in artfremden Bereichen hin und gab Hinweise auf die Vorgehensweise bei den unterschiedlichen Sexualstörungen. Dieser Bereich ist wesentlich unterbelichtet, er wird in den täglichen Sprechstunden zu wenig hinterfragt und sexueller Missbrauch und Paraphilien gehen dabei häufig unter. Sexualmedizin ist immerhin in Berlin ein Teil der universitären Ausbildung geworden – ein großer Erfolg für das Sexualmedizinische Institut der Charité Berlin.
Wissenswertes brachte auch Frau Univ. Prof. Dr. med. univ. Andrea Frudinger, Graz/ Österreich. Sie präsentierte spannende 3-D-Aufnahmen der Endoanalsonographie bei Sphinkterdefekt und Analinkontinenz. Die Zukunft hier werden injizierte Stammzellen sein, welche den Sphinkterrepair und ggf. auch die Neuromodulation ersetzen.
Der 2. Interdisziplinäre Beckenbodenkongress wurde am Samstag Nachmittag durch einmal ganz andere, artfremde Vorträge abgerundet. Herr Dr. med. Patrick Frottier aus Wien/ Österreich gab einen sehr guten und beeindruckenden Überblick über „Burnout bei Medizinern“, Herr PD Dr. med. Sven Diederich aus dem Endokrinologikum Berlin ergänzte dieses Thema mit einem Vortrag über die hormonellen Veränderungen in der Lebensmitte. Der Kongress fand seinen Abschluss in einer Ausführung von Herrn PD Dr. med. Fernando C. Dimeo aus der Sportmedizin der Charité Universitätsmedizin Berlin. Er zeichnete Möglichkeiten auf, wie Fitness und emotionale Stärken in der Arbeit sowie Durchhaltevermögen geschult und verbessert werden können.
Das Fazit des diesjährigen 2. Interdisziplinären Beckenbodenkongresses war und ist: „Gemeinsam ist besser als allein.“ In diesem Sinne wird das IBBZ Berlin die nächsten zwei Jahre seine Arbeit vorantreiben und ist guter Hoffnung, dass der 3. Kongress im Jahr 2013 allen Teilnehmern, Referenten, Firmen, Institutionen, Verbänden und Fachgesellschaften wieder Neues und Positives bieten wird.
Dr. med. habil. Annett Gauruder-Burmester
Kongresspräsidentin 2011
Interdisziplinäres Beckenbodenzentrum
Friedrichstraße 134
10117 Berlin
Telefon: (030) 4000 566 - 0
Telefax: (030) 4000 566 - 66

Dr. med. Roland Scherer
Krankenhaus Waldfriede Berlin, Zentrum für Darm und Beckenbodenchirurgie

Prof. Dr. med. Michael K. Hohl
Kantonsspital Baden/CH